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Illusionen für das menschliche Auge

Der Künstler ist sehr präsent; auch für ein weniger ausstellungserfahrenes Publikum. Die Technik erfordert heute, dass alles, was in Computeranimationen digital auf der Leinwand zu sehen ist, auf einem ähnlichen Aufbau beruht wie Wehners Arbeiten. Was uns im Film letztlich als Oberfläche erscheint, setzt sich aus einer Vielzahl glatter Flächen zusammen, die immer weiter verfeinert werden. Eine heute schier unendliche Rechenleistung erzeugt Illusionen für das menschliche Auge. Manchmal wird dieser Prozess in Dokumentationen über Filmproduktionen gezeigt. Damit verbunden ist auch die Berechnung komplexer Oberflächen durch Zerlegung in Pixel (meist Dreiecke), die man leicht erahnen kann.

Archaische Skulpturen
Struktur erfordert Verfassung

Bei Gelegenheit wäre es ratsam zu untersuchen, ob und wie Künstler technische Prinzipien vorwegnahmen, die später Eingang in das alltägliche Leben fanden. Von den ersten Höhlenmalereien bis heute, in bildender Kunst, Dichtung und Musik sind interessante Entdeckungen zu machen. Wehner geht es nicht darum, wie beim Film, eine Illusion zu schaffen, die etwas vortäuscht. Die Struktur und das Gebaute sind bewusst sichtbar. Fausts Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält, hat weniger mit einer technischen Konstruktion zu tun. Ähnlich bei Wehner. Die Struktur lässt nach Konstitution fragen, die Form verweist auf das zu erforschende Sein.

Kunst geht über das Materielle hinaus

Wellpappe wird durch die Bearbeitung des Materials durch den Künstler zu Kunst. Das Material durchläuft durch die von Wehner angewandten Verfahren einen Prozess. Genau wie der Farbauftrag auf Leinwand. Gelingt es, wird aus dem minderwertigen Rohmaterial etwas, das den Künstler und auch den Betrachter überzeugt. Dieser Transformationsprozess ist für uns nicht wirklich nachvollziehbar. Gestaltungsregeln für Form und Farbe, das Erkennen von Wahrnehmungsprinzipien des Gehirns, Bezüge zur Kunstgeschichte – viele Herangehensweisen sind möglich.

Wehners Werk schafft eine Vorwegnahme, die an einem Punkt künstlerischen Schaffens mit stark kultischem Impetus ansetzt. Die Vorstellung, künstlerisches Schaffen könne auch dem Schönen, dem Religiösen, der Visualisierung von Herrschaft dienen, ist nicht seine Sache. Er lenkt jedoch die Aufmerksamkeit darauf, dass Kunst das verwendete Material verändert, ja transzendiert. Ein Beispiel: Auch der berühmte angebliche Skulpturen- und Verpackungskünstler Christo schafft etwas ganz anderes. Er packt nicht, offenbart er. Stoff, Kordeln und 1995 das Reichstagsgebäude waren das einzige Material. Was tatsächlich geschah, ließe sich als eine Art Kunstreinigung betrachten, jedenfalls eine Zäsur für das historisch bedrängte Haus.

Die Bekehrung ist eines der religiösen Mysterien. Abhängig von den Fähigkeiten eines Künstlers besteht eines der Geheimnisse der Kunst darin, Dinge von höchster Qualität aus profanen Materialien zu schaffen. Auch aus Karton, Blei oder Bitumen.

Kunst aus profanen Materialien

„Als Nutzer der Kunst wird der Künstler zum Meister der Themen und Interpretationen. Gelingt ihm dies, dann verstehen wir die Anliegen des Künstlers, dann werden sie vielleicht sogar zu unseren ganz eigenen Fragen, die uns beim Betrachten der Skulptur bewusst werden. Im Zeitalter des Rationalen scheint sich alles der Vernunft unterzuordnen, die aber oft genug nur forcierte Irrationalität ist, und es stellt sich die Frage: Die Ausstellung mit den Arbeiten von Bernd Wehner heißt „Im ungesicherten Modus.“

Peter Nüremerg

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